Hardcore-Punk trotz Corona-Auflagen

Sep 1, 2020 | Aktuelles, Jugend im Shutdown

Interview mit „Destroyline“ aus Berlin über Jugendkulturen in Corona-Zeiten

„Destroyline“ ist eine Hardcore Punk-Band mit antifaschistischer Botschaft. Ihre Texte richten sich gegen Rechts, Geschlechterklischees, Ausbeutung, Krieg, Ausgrenzung und handeln vom Kampf für eine gerechte Welt.

Florian: Wer seid ihr, wie lange macht ihr schon Musik und wie habt zusammengefunden?
Dan: Da muss ich überlegen. Ich glaube, „Destroyline“ wurde 2010 als Band von Freunden gegründet. Einfach nur, weil wir Spaß an der Mucke haben. Im Laufe der Jahre sind dann immer wieder Leute gegangen und dazugekommen. So wie wir jetzt sind, spielen wir seit ungefähr drei Jahren.

Florian: Was macht ihr für Musik?
Dan: Wir spielen eine Mischung aus Punk und Hardcore.

Florian: Wie sah euer Band-Alltag vor Corona aus und wie hat er sich verändert?
Dan: Wir haben eigentlich mindestens einmal pro Woche zwei bis drei Stunden geprobt. Wir haben uns dann vor Corona noch einmal getroffen – ich glaube am 12. März. Wir haben dann als Band beschlossen, dass wir erst einmal aufhören uns zu treffen, um unsere Partner*innen und Kinder zu schützen.
Jay: Wir haben auch relativ viel live gespielt und dieses Jahr wäre einiges dran gewesen – eine Live Tour ist zum Beispiel ausgefallen.

Florian: Und wie lange habt ihr Pause gemacht?
Jay: 10 Wochen?
Edy: 3 Monate fast, oder?
Dan: Ja, 3 Monate.

Florian: Wie ging es euch damit?
Dan: Also mir persönlich ging es damit sehr schlecht. Ich bin einer, der fast jeden Tag Gitarre oder Bass spielt. Ich habe dann angefangen übers Internet Musik zu machen – vor allem Blues Musik. Das hat mich aber ehrlich gesagt ganz schön runter gezogen. (Gelächter)
Edy: Also ich persönlich bin total aggressiv geworden. Ich hab das auf jeden Fall auch körperlich gemerkt, dass mir die Bandprobe fehlt.
Jay: Ich hab versucht, die Zeit möglichst produktiv zu nutzen. Ich habe versucht, von jedem Song, den wir haben, zuhause eine Spur aufzunehmen.
Blase: Ich habe meinen Hauptschulabschluss nachgemacht. (Gelächter)
Andrew: Die Zeit ist vergangen wie im Flug, also ich fands jetzt nicht so schlimm. (Gelächter)

Florian: Wie hat sich eure Online-Präsenz durch Corona verändert? Habt ihr anstatt Konzerte zu geben z.B. live gestreamt?
Edy: Wir haben natürlich noch Content, den wir vor Corona produziert haben, aber allgemein ist wenig passiert. Ich finde es wirkt einfach super unauthentisch, getrennt in einzelnen Wohnungen zu livestreamen. Ich hatte auch Schwierigkeiten Livestreams von anderen Bands zu verfolgen – das finde ich immer unbefriedigend.
Jay: Heute haben wir aber tatsächlich vor zu streamen!

Florian: Beeinflusst Corona euch auch musikalisch?
Blase: Eigentlich nicht oder?
Dan: Gute Frage. Also mir geht es so, dass ich musikalisch vielleicht besser geworden bin, da ich sehr viel Zeit hatte zuhause an meinen Skills zu arbeiten.
Edy: Thematische Anknüpfungspunkte an die Corona Krise finden wir bei uns halt schwierig. Unsere Themen sind hauptsächlich linke Theme wie soziale Gerechtigkeit, auch wenn es bei den Corona-Maßnahmen natürlich auch darum geht, andere Menschen zu schützen und z.B. Abstand zu halten und andere nicht in Gefahr zu bringen.Womöglich werden die anschließenden wirtschaftlichen Konsequenzen für die Menschen für uns thematisch relevant.Blase: Also mir persönlich fehlt es natürlich auch, Leuten die Hand zu geben, Leute zu umarmen. Aber das textlich verarbeiten? Es gibt Bands, die sind sofort auf diesen Zug aufgesprungen und haben dann Songs gemacht, über die du zwei Minuten lachen kannst und dann denkst du: Ok, es war jetzt ein bisschen lustig, aber die Mucke ist eigentlich scheiße. (Gelächter)

Florian: Wie schätzt ihr die Stimmung in der Hardcore-Szene ein? Wie stark wird sie durch die Corona-Krise beeinflusst?
Jay: Also ich kann mir vorstellen, dass Clubs verschwinden werden.
Edy: Ja, auf jeden Fall hat es die Situation von Clubs verschärft, aber auch von Autonomen Zentren, die sich auch nur durch Konzerte am Leben erhalten konnten. Aber die Hardcore Szene ist schon immer sehr engagiert gewesen. Es wurden jetzt echt viele Kampagnen gestartet, wie Sampler, TShirt-Verkäufe oder andere Soli-Kampagnen. Für DIY-Bands wie uns, die nicht davon leben, ist Corona natürlich nicht so katastrophal wie für Bands, die von Touren leben. Jetzt ist natürlich die Frage, wie sich das ändern wird, ab wann es überhaupt wieder möglich sein wird Konzerte zu spielen. Ich habe nicht den Eindruck, dass das absehbar ist. Vor allen Dingen, weil es ja bei Hardcore oder Punk Shows ja sehr schwierig ist Abstand zu halten – die leben ja davon, dass viele Menschen sehr nahe zusammen kommen.

Florian: Könnt ihr für euch als Band auch Positives aus der Krise ziehen?
Blase: Man soll sich wieder die scheiß Hände waschen. (Gelächter)
Jay: Keine Joints, keine Biere teilen! (Gelächter) Was die Band angeht, eigentlich nicht so viel, aber allgemein gesehen hatte es natürlich schon auch positive Auswirkungen. Der CO2-Ausstoß ist zurückgegangen, zumindest anfangs haben viele Leute auch irgendwie Solidarität gezeigt.Längerfristig hat das dann halt auch wieder zu krassen Gegenbewegungen geführt. Es gibt halt jetzt die Gegendemos, die Hygienedemos wo sich lauter Verrückte sammeln. Das ist dann halt der negative Part.
Edy: Da gehen dann die hin, die sich nicht die Hände waschen.
Dan: Und die, die sich nicht die Zähne putzen, die haben alle braune Zähne. (Gelächter)

Florian Schwarz

Interview und Beitragsfoto entstanden im Rahmen einer eigenständigen Projektarbeit während des „FSJ-Kultur“ von Florian Schwarz im Archiv der Jugendkulturen.

3. September 2020

Wichtige Termine

  • 07.11.2021 - 13.11.2021
    Medienworkshop im Rahmen der COP26

    Im Rahmen der UN-Klimakonferenz COP26 in Glasgow veranstalten wir in Kooperation mit der DGVN vor Ort einen Medienworkshop.

  • 19.11.2021
    PNJ-Mitgliederversammlung

    Hybride Mitgliederversammlung des Pressenetzwerks für Jugendthemen mit Anwesenheits-Möglichkeit in Bonn

  • 22.11.2021 - 28.11.2021
    Austauschprogramm mit Israel in Bonn und Köln

    Bilateraler Fachkräfte- und Journalist*innen-Austausch. Das IN-Programm findet in Köln und Bonn statt.